Wieder in der Ukraine

So könnte es begonnen haben: Im wetterunabhängig fahlen Licht des Bahnhofs türmt sich ein Zug auf, blau wie ein schöner Himmel, blau, wie sich das Land in seiner Flagge zeigt. Ein Himmelsfahrzeug blau wie die Mauritius und schwer wie die Trägheit, mit der er von Lemberg nach Czernowitz kriechen wird. Einiges über fünf Stunden für einiges unter dreihundert Kilometer. Waggonbau Ammendorf, Baujahr 1988. Drei hohe Stufen an der dicken, dunkelblau blauen Waggonversorgerin vorbei. Noch einmal betrete ich die DDR.
Die mobile kleine Republik hat Gardinen an den Fenstern. Doch die verhindern nicht das Land. Wir fahren. Wir, die die Software als Außendichter übersetzt. In einem Carport steht ein Camouflagejeep wie ein Zeugnis: Am Wochenende geht es raus zum Krieg. Dann zeigt sich das Land als Brachwuchs. Disteln, Büsche, Nesseln, Schilf und Wegelagerich. Heuhaufen und -schober dann und wann. Kleine Utopien, mittelgroße Müdigkeit. Der Eindruck eines Deltas, das sich nicht verzweigt. Das Grün fließt, bewegt sich aber meistens auf sich selbst zu.
Der polnische Mitreisende erklärt, er habe einen deutschen Autor. An einem Sportplatz werben Tafeln für Limo an sich. »Ruhm den Helden« hat man neu in einen Hang gefräst. Die Heldenlebenden und die Heldentoten aus dem Osten. Ein Soldat hält ein Kistchen ins Abteil. Mit demutsweicher Stimme fragt er, ob wir spenden wollen für die ukrainische Armee. Wir enthalten uns, bleiben neutral. Und bleiben demutsruhig, wenn der Zug mal wieder auf freier Strecke hält, als müsse er die frei herumweißenden Gänse zu sich kommen lassen. Vielleicht muss man das. Vielleicht ist zu viel Rostmilch ins System gesickert. Etwas jedenfalls, das die Landschaft in Bantamfarben schlingt.
Es wird dunkel. Es gibt Lautstärkeregler für Radio, doch keinen Bordfunk mehr. In den Waggons schläft man oder schläft nicht. Eisenbahnerhäuschen leuchten aus der Nacht. Kioske, die nichts verkaufen. Sie ziehen vorüber als sie selbst und als Zeugnisse des Landes. Dann leuchtet eine Art Bordellareal. Ein Hotel. Dann wieder nichts. Dann Chernivtsi, Czernowitz. Ein Taxi bringt uns in die Gegenwart der Vergangenheit. So könnte es begonnen haben.

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~ von R - 15. September 2015.

Eine Antwort to “Wieder in der Ukraine”

  1. Sehr schöner Text und sehr schöne Reise. Undenkbar, einen solchen Text zu schreiben über eine Reise mit dem ICE von Frankfurt nach Hannover.

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