Ein Stück noch muss ich diesen Arm entlang

Slava wird mich schelten. Ja, es gibt nicht nur Friedhöfe in Czernovitsowtsiy. Aber ich musste trotzdem raus nach Sadagora, um den älteren jüdischen Friedhof zu sehen, um dies erst einmal abzuschließen, und des Wunderrabbis Synagoge, die Ruine.
Seit Tagen stenographiert und morst das Wetter Feuchtigkeit. So auch an diesem Schlaglochsonntag, durch den Slava mit seinem Jaguar kurvt, der eine Farbe hat wie ein Guacamolehimmel in einem Hochdruckgebiet.
Ich habe gelernt, mich nicht mehr anschnallen zu wollen, um keinen Fahrer zu verstimmen. Die Achterbahn im großen Stadtpark ist den Winter über stillgelegt. Durch die Wir-sind-Aboriginees-Straßen zu fahren, tut es auch.
Mit uns ist shalom shalom der Rabbi, der Rebbe. Ich kann nicht Hebräjiddisch, kann nicht sagen: »Gezunt ahf dein kop!« Noi, neyn nit nisht. Also redebrecheln wir Russinglish. Er kann sehr freundlich. Weil er’s ist. Seit neun Jahren hier, Menachem Mendel Glitzenstein aus Israel, sein Vater Rabbi auch in Eilat.

Tzion von Israel Friedmann

Im märzschneeweißen Haus am Eingang des Friedhofs befindet sich das Tzion, die Grabstätte des bereits erwähnten Rabbi Israel Friedmann von Ruzhin (1797-1850), der je nachdem Wunderrabbi, chassidischer Weiser oder Der Heilige Ruzhiner genannt wird.
Auf dem februarschneeweißen, tonnenbackofenförmigen Tzion liegen viele Wünschezettel, die Kvittlach, und stehen abgebrannt hunderte Teelichte ― zwischen ihnen da und dort in Form kleiner bebilderter Konservendosen eine Yohrzeit Memorial Candle.
Am Folgetag des Tages, an dem ich in Czernowitz ankam, war auch der, sagt Slava, »Grand-grand-grand … maybe seven-grands-grandson« von Israel Ruzhiner in Sadagora.
Der Schließer in seinem Kälteportal beschwert sich, von diesem Friedmann super-Jr nur tschechische Kronen erhalten zu haben. Rabbi Glitzenstein gleicht das aus, mit nicht wenig buntem Zahlpapier.
Kurz nur über das Gräberfeld und den sich ausschwammenden Schnee. Vor kurzer Zeit noch devastiert, stehen auch hier wieder viele Grabsteine und dienen der Landbevölkerung nicht mehr als ausgeborgte Trottoire.
Dann weiter zum je nachdem Gebetshaus, Märchenschloss oder Klois genannten Backsteinpalais des so berühmten Zaddik aus dem in Mitteleuropa so vergessenen Jerusalem am Pruth.

Das Palais des Israel Friedmann

In der Vergangenheit hat man das Fundament freigelegt, so dass der Bau wirkt wie ein trocken gelegtes Wasserschloss. Aber es tropft nicht »trocken« von der Decke, sondern Wasser. Drinnen kleines Baugerät, nur an zwei drei Stellen hat sich der alte Putz erhalten, darauf Dekor.
Noch kann man hierhin nur die Vergangenheit mitbringen, Geister wie Leopold von Sacher-Masoch, der Geist und Geister dieses Orts festhielt: »reiche Jüdinnen in kostbaren Samtkaftanen und blitzenden Diamanten, Armenier, Polen, Lippowaner und deutsche Kolonisten, Schwaben in hohen Stiefeln mit Quasten, kurzen Tuchjacken, den heimatlichen Filzhut oder die Schirmmütze auf dem Kopfe, Soldaten und Zigeuner«. Nicht bald, meint Glitzenstein, und hier wird wieder Leben abgehalten.

Zentraler InnenraumMorgen dann von morgen und von Freitag und von Sonnenseiten.

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~ von R - 10. März 2013.

2 Antworten to “Ein Stück noch muss ich diesen Arm entlang”

  1. zu Sadagora jüngst:
    http://diemuellhalde.wordpress.com/2013/03/01/judennase-2/
    (bzgl. Celans »Gauner- und Ganovenweise …«)

  2. Wäre tatsächlich gut, mehr über das mentale Verhältnis zwischen dem historischen Schtetl Sadagora und dem seinen Hügel hochkrauchenden metropolitaneren Tschernowitz zu wissen.

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