An einem Samstag im September

Man geht hinunter bis dahin, wo ein Fluss ist, eine geschwungene Sekante, auf die man lotrecht trifft, schon einige Heiligen- und einige Generalsstraßen in den Gliedern, einige Sonne in der Haut, einigen Staub auf den dreistreifigen Schuhen, dem zehntausendfach gestreiften Haupt. Man geht diesen Fluss, den man entlang gehen kann, entlang. Man geht, weil gerade kein Bus kam und man nicht für das Dastehen lebt, der Samstag gleitet noch in seinen Nachmittag, was sich sehr hell anfühlt, vielleicht heller, als es ist, an diesem Fluss, der aus der Nähe farblos wirkt, aus mittlerer Entfernung betrachtet braun wie sein Grund, aus größerer Ferne gesehen blau, das heißt: nicht so blau, wie er ist, sondern so blau, wie er nicht ist. Und diesen Zustand geht man entlang, von dem ein Teil »Suquía« heißt und ein Teil ›ich‹ — man geht fast alle seiner Aspekte entlang. Die wie-Lippen dieses Flusses sind das grünste Gras der ›gemeinsamen Stadt‹, die es gibt neben der ›separierten Stadt‹, der Stadt der gated communities und College-Innenhöfe und privaten Patios. Die Menschen sind insgesamt schlanker hier, ihre Fahrzeuge aber sind nicht schlanker, schlank ist jedoch auch der Fluss, man geht ihn entlang. Man geht ihn entlang, zunächst gibt es auch einen Weg, einen asphaltierten und mit Mittelstreifen versehenen Weg, darauf Pfeile in beide Richtungen, man könnte oder sollte hier Rad fahren, aber man geht, sollte vielleicht nicht, aber geht. Auf dem Weg neben dem Fluss, der mal zwischen zwei Straßen, mal zwischen vier Straßen liegend dorthin führt (oder von dort wegführt), wo der Botanische Garten liegt. Der auf dem Stadtplan dieselbe Farbe hat wie die Gebäude auf dem Stadtplan. In diese Richtung des Stadtplans und der Stadt geht man, am Fluss entlang, und fragt sich, wie es sich verhält mit dem Garten und seiner eventuellen Farbsimilarität. Man geht Kilometer um Kilometer, und um ein oder zwei weitere Kilometer zu vermeiden, überlässt man den Fluss, der jetzt einen weiten Bogen macht, seiner Sich-selbst-Entlangheit und kürzt ab durch ›gemeinsame Stadt‹. Geht etwas Nichtflussiges entlang, durch Straßenzüge, die man nicht einschätzen kann. Quert einen Friedhof, dessen Gassen durch Mausoleen und  Kapellen und Begräbnisschreine gebildet sind, die weiß sind wie Frieden, wie Unabänderlichkeit und braun wie Mortalität, und geht weiter durch Straßen, deren Sein man nicht einschätzen kann. Geht weiter, rasch und leicht bergan, die Architektur hat hier keine Obergeschosse mehr und die Häuser werden hüttiger und auf dem Boden, wohin man den Blick wegen der Camouflage gerichtet hat, liegt ein zerpflücktes Portemonnaie, man geht es entlang als wär es ein vertrockneter Fluss, die Straße schlägt einen Haken, wo sie laut Plan geradeaus gehen müsste, müsste müsste, aber da ist schon eine zerfressene Ziegelsteintreppe, teils eine Tropfsteintreppe, und an ihrem Ende liegt hinter der Flussstraße der Fluss, windet sich voran. Man geht ihn entlang, auch wo niemand mehr joggt oder auf Steinbänken in der Helligkeit liegt und nur wenige Autos fahren, eine der unvermeidlichen Straßen entlang, und links dehnt sich ein vielleicht vermeidbares Viertel aus kleinen Häusern, und vorne hinter der nächsten – okay, nur noch bis zu dieser – Brücke ist der Mob kein Mob, sondern Jungs, die Fußball spielen. Und man geht diesen Fluss entlang, Suquía Suquía, geht aber eigentlich nicht mehr den Fluss entlang, sondern läuft vor allem entlang eines Gefühls, das man gern wieder loswerden möchte. Man geht also einen Fluss entlang, den man nicht mehr entlang geht, oder fast nicht mehr oder noch nicht wieder, und sieht auf dem diesseitigen Ufer Müll und dann eine offene Fläche mit Müll, in dem jemand stöbert und versucht, Materie zu finden, die er in Zukunft oder wenigstens Gegenwart umwandeln kann, und das Gefühl wächst an, und ein Stück weiter weg auf dieser Fläche ist eine männliche Gruppe und ein Stück weiter voraus grasen Pferde und stehen weitere Männer, die eine Gruppe bilden oder schnell bilden könnten. Erst dahinter die nächste Brücke, Verkehr, urbane Regung. Und das Gefühl bildet auch eine Gruppe und will den Fluss nicht mehr entlang, will ihn lieber durchqueren. Er ist nicht tief an dieser Stelle. Und man durchquert ihn, während man zu einer Gruppe zerrissen ist. Und Scherben (oder Schnittmuscheln?) schneiden in einen Fuß, was man erst später bemerkt. Die Teile der Gruppe, die Botanischer Garten sagen, setzen sich durch gegen die Befürworter eines Taxis zurück (ein Bus fährt hier nicht, der eigens gekaufte Jeton bleibt in der Isolation der Tasche). Man geht weiter, nun rive droite durch ein Viertel, das eher auf unsichtbare Weise gated ist. Weitere Kilometer, Block um Block und »Ist Ihnen nicht kalt?« fragt es aus einem Hauseingang. Nein, sagt die Gruppe, antwortet auch das kalte Gefühl. Und man erreicht am Ende der Straße eine Straße, die nach links führt, über den Fluss, über den übergangenen Fluss, zum Botanischen Garten. Laut Stadtplan zunächst, auf dem die davor liegenden Rudimenthäuser am jenseitigen Ufer nicht als solche verzeichnet sind, selbstverständlich auch nicht der Müll, den die Anwohner der steilen Böschung anvertrauen, selbstverständlich. Keine Fußgänger, kaum Autos, der Fluss, der Plan attestiert »Park«. Kein Park. Ein Rest Natur, rechts der Brücke, der Fluss halbseitig in einer Schlucht, in einer Landschaft quasimodo. Für sich allein, nosferato nostradamo. Man ist auf der Brücke, Teile der Gruppe blieben zurück, man ist auf dem Hang, man ist auf dem Plateau, Barrio Villa Urquiza. Tennisplätze, Squash, Menschen. Botanischer Garten. Durch eine dünne Epidermis aus Draht abgetrennt von dem Viertel aus Gefühl, Gruppen, Rudimenten, Pferden. Sector de pobreza urbana. Der Garten ist bis auf drei Gärtner leer. An einem Samstag. Man geht hinein.

Weiterbildung: http://de.wikipedia.org/wiki/Río_Suquía

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~ von R - 9. September 2010.

3 Antworten to “An einem Samstag im September”

  1. ich schlendere hier ähnlich auf und ab. vor der grauen (immer grauen) tastatur.

    • Und was mögen Sie besonders: den Stadtteil der Konsonanten, die kleinen Vokalparks oder die Umlauthaltestellen?

  2. an meinem lieblingsplatz tabbe ich manchmal verschlafen, manchmal quietschvergnügt herum, bis ich ich schließlich – nach einigen aufregenden tänzchen – immer wieder gern in der nähe seines genauen gegenteils verweile: der rücklöschlehne. dort angekommen geht es wieder zurück zum anfangs-lieblingsplatz-punkt und wieder zurück und so weiter.

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