Es lebt!

Unbedingt hinzuweisen ist auf das Erscheinen des ersten Bandes in der von Urs Engeler herausgegebenen Taschenbuchreihe der roughbooks, in dem sich — ein angemessener Auftakt — Gedichte des englischen Lyrikers Tim Turnbull finden.
Das Buch hat ein bestechend schlichtes, typografisches Design, das seinen Inhalt in puristischer Souveränität präsentiert. Turnbull, so Biografie und Cover gleichermaßen emblematisch, »arbeitete im Forstwesen und sang in diversen Punk-, Ska- und Industrialbands, bevor er sich der Dichtung zuwandte«.
Drei Sammlungen mit Gedichten gibt es von ihm, die mit »Es lebt!« nun allesamt auch auf deutsch vorliegen. Erfrischend, dass neben dem kleinen Run auf junge US-amerikanische Lyrik nun endlich auch ein Soloalbum von neuer Dichtung aus dem nächstgelegenen Englischterritorium vorliegt.
Turnbull ist, wenn man so sagen will, Rock ’n’ Roll. Seine poetischen Kommentare zum nun mal nicht idealtypisch ablaufenden Alltag sind geistreich, abgefahren und immer wieder mit hausstaubtrockenem Humor angereichert. Was er treibt, ist von rauer Smartheit. In einer anti-elaborativen Sprache versucht er, anti-mainstreamische Gedichte zu schreiben. Gedichte, die spontan wirken, skizzenhaft und anscheinend oft deshalb so verquer sein müssen, um nicht zu kunstbeflissen oder in irgendeine Richtung pädagogisch zu erscheinen. Das Gedicht ist hier Roadpoetry, betrieben mit Schmutz im Getriebe. Ist laut. Laune und gute Laune. Ein Porträt des jungen Künstlers als urbaner Penner.
Viele Stücke sind noch immer Song-Hybriden. Halb balladesk, halb fragmentarisch, mit einem aufgrund der Melodik oft immensen Sog.
Der »Guardian« meint in britischer Nonchalance, dass man in Turnbull einen kommenden poet laureate sehe. Wenn es tatsächlich so käme, wäre das ganz fantastisch. Vielleicht würde er gerade dann noch ein wenig unziviler werden, wer weiß.

Tim Turnbull: Es lebt! Gedichte. Übersetzt von Norbert Hummelt, Birgit Kempker, Norbert Lange, Ulf Stolterfoht, Hans Thill, Jan Wagner. 181 Seiten. roughradio: roughbook 001. Preis: 12 Euro.

http://www.barcelonareview.com/11/e_tt.htm — Unter anderem performt Turnbull Raw Horse auf einem Einstürzende-Neubauten-Beat [Yü Gung].

so viel hängt / davon // ab // die rote schub / karre // das vom regen // schmierige brett hoch / und // den braunen schutt / in den gelben // container zu / kriegen // alle sieben / minuten

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~ von R - 19. Juni 2009.

2 Antworten to “Es lebt!”

  1. Sehr geehrter Herr Winkler,

    besten Dank für diesen Hinweis. Sobald es sich einrichten lässt, und damit meine ich, irgendwann, wenn mal wieder »Buchzeit« anstehen sollte, werde ich daran denken. Ich freue mich also, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass ich mich entschieden habe, dieses Buch zu kaufen, sobald meine Laune es zulässt. Es ist nicht nur die kontextuelle Rahmung, die sie erwähnten, worauf ich besonderen Wert lege, wenn ich mich Büchern wie diesen nähere, sondern es geht mir um die viel wichtigere Frage: Was erwarte ich, wenn ich ein Buch lese? oder: Was erwarte ich von Büchern überhaupt? Erst nach langem Ringen, und langwieriger Erforschung dieses Problems, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ich in Büchern wie diesen etwas suche, was mir selbst völlig fremd ist. Ich suche etwas in Richtung einer anderen Welt, eine andere Welt, vielleicht, die anders funktioniert. Eine Welt, die etwas anderes sieht, etwas anderes sagen will. Und ja, genau das schätze ich ja so an Gedichten, dass sie niemals verschwenderisch sind. Gedichte, so scheint mir, sind eher auf der Seite des Momenthaften anzusiedeln. Sie bewahren das, was sich uns ständig entzieht, und offenbaren zugleich eine umso sinnlichere Welt, je mehr man diese so bestimmte Welt im Gedichts versteht. Es sind Texte, denen es darum geht, dem Leser ein Höchstmaß an Selbständigkeit zu gestatten. Freiheiten schaffend, ohne sich selbst dabei aufzugeben, auf der einen Seite, und die Freiheiten des Lesers eingrenzend, seine Wirklichkeit bestimmend, ohne ins WischiWaschi umzukippen, oder Wirklichkeit zu relativieren, auf der anderen Seite. Genau dieses Verhältnis ist das, worum es gehen könnte, bei allem Lebensalltag und Umstand, nämlich, stets die Bewegungen des Gedichts in die Vertikale aufrechtzuerhalten.
    Mit freundlichen Grüßen

  2. […] Ron Winkler, ronwinkler.wordpress.com, 19.6.2009 […]

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