Sturm im Wasserglas

In jüngster Zeit ist immer wieder behauptet worden, die zeitgenössische Lyrik junger deutschsprachiger AutorInnen geriere sich zum einen hinsichtlich ihres (natürlich von Selbstüberschätzung geprägten) Stellenwerts aufdringlich und anmaßend, zum anderen seien dort, wo es gemeinsame Auftritte gibt, kalkuliert verdrängerische Absichten am Werk. Michael Braun postulierte zuletzt einen flachsinnigen Kult um die sogenannte Junge Lyrik, und Andreas Heidtmann, Herausgeber des Magazins poet, meinte in seinem Editorial in jovialem Ton, dass die Jungen sich selbst feiern würden, dies aber okay sei, um ein Quäntchen Aufmerksamkeit im Medienbetrieb zu erlangen.
Auf Basis einer sich aus sich selbst speisenden, nun ja, Debatte, wird jungen DichterInnen ein übersteigertes Geltungs- und Publikationsbedürfnis (Matthias Kehle) unterstellt, ohne dass je genau benannt, geschweige denn ausdifferenziert wird, was denn nun genau zu verurteilen ist — außer dass möglicherweise Vernetzungsstrukturen und gemeinsame Projekte junger AutorInnen nicht absolut mehr Aufmerksamkeit schaffen, sondern an anderer Stelle Aufmerksamkeit entziehen, was, abgesehen von der Kühnheit der These, ganz klar nicht der nun(mal) so gelabelten Jungen Lyrik angelastet werden kann.
Dass ein kleiner Hallraum, wie es die Lyrik einer ist, bei drohender Gefahr weiterer Segmentalisierung zu Überkompensationen und kritischen Übersprungshandlungen führt, ist nachvollziehbar. Schwer erträglich allerdings sind pauschalisierende atavistische Ressentiments gegenüber Autoren (ob nun im Einzelnen oder in ihrer Gesamtheit), die ihre ersten Auftritte in der Öffentlichkeit haben.
In Stellung gebracht werden die subtilen Anwürfe vor allem gegen vorwiegend generationsbezogen arbeitende Literaturzeitschriften, Verlage und Anthologien.
Dabei wird überhaupt nicht erst in Betracht gezogen, dass Unternehmungen, deren Aufmerksamkeit insbesondere den Texten nachrückender AutorInnen gilt, andere als vielleicht kapriziöse Motive oder isolationistische Absichten haben — nämlich dass sie eigentlich der Lust an den Arbeiten von GenerationskollegInnen entspringen. (Ein keineswegs neues ›Modell‹.)
kookbooks, LAN-Festival, EDIT und Connewitzer Verlagsbuchhandlung, um nur einige zu nennen, sind (trotz der Fülle an Angeboten) wichtige Vorfilter, Testgelände, Plateaus für den Artenreichtum der literarischen Subspezies Poesie. Dass durch sie vielleicht auch weniger talentierte AutorInnen zu weiterer Präsenzlust angeregt werden, würde allerdings auch die Abschaffung ebendieser Angebote nicht ändern können.
Dass zum Beispiel BELLA triste in größerem Ausmaß die Trommel für die Generation der emerging poets gerührt hat, ist auch dem Umstand geschuldet, dass es bezüglich der Außenwirkung (Stichwort: Feuilleton) enorme Defizite gab und gibt.
Was auch gern ›übersehen‹ wird: Anthologien mit dem Fokus auf Texte junger Dichter, allen voran Lyrik von Jetzt, stellen im Prinzip nur sinnvollere Bündelungen dar als diejenigen Anthologien, die ihren BeiträgerInnenbestand unter einem Rubrum wie Gartenlyrik, Jahreszeitenpoesie oder Das Mondgedicht zusammenraffen.
So weit mir bekannt ist, wurde nirgends eine per-se-Huldigung der Lyrik junger AutorInnen eingefordert. Nirgendwo wurde insistiert, dass außerhalb gewisser Altersstufen Dichtung nicht mehr neu, jung, oder von jetzt sei.
Man sehe den Initiativen der jungen Leute (Gerhard Falkner) den gelegentlichen Happeningcharakter nach. Die gewählten Verpackungen sind einfach Formen des Jetzt (bzw. des ›Jetzt‹). Sie verpacken, wie Gunther Nickel sagt, nicht weniger als ein reiches Arsenal an Poesien für jetzt und später.

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~ von R - 23. März 2009.

9 Antworten to “Sturm im Wasserglas”

  1. applaus!

  2. Heute ein Ausrufezeichen: »Rubrum«!

  3. Wir sind jetzt!

    Jedes Gedicht der Welt war einmal »junge« Lyrik. Liebesgedichte bleiben Liebesgedichte, Hochzeitsgedichte bleiben Hochzeitsgedichte, aber junge Gedichte bleiben keine jungen Gedichte, sondern werden alte Gedichte. »Lyrik von Jetzt« ist immer schon vergangen und also ein Paradox, so wie der erste Band »Lyrik von Jetzt« Lyrik von vor Jahren ist und irgendwann Lyrik von vor hundert Jahren sein wird.

    Es gemahnt an den nicht zu gewinnenden Kampf einer ewig jung sein wollenden Gesellschaft. Der Begriff wird, aus dem Kehricht gesellschaftlicher Verblendung gefischt, der Lyrik als illusorische Verkaufs-Insigne beigegeben. Wirtschaftlich hat es junge Lyrik dennoch so schwer wie jede andere Lyrik. Also Selbstsuggestion? Wir sind jung! Platz da: Wir sind jetzt!

    Die neue Katze sitzt nicht auf dem jungen Kissen. Die junge Katze wird jeden Tag älter. Wenn sie nicht mehr laufen kann, sagen wir vielleicht: Es war einmal eine junge Katze. Autoren, die noch zur »jungen« Lyrik zählen, werden in Sekundenschnelle pensionierte Poeten sein, vielleicht sogar gebrechlich und also »alte« Lyrik schreiben.

    Sagen wir so: »Jung« ist ein gedachter Raum, durch den alle Lyriker schreibend schreiten, schlittern, schlendern. »Jung« ist die Unterstellung, der Rest sei alt. Daher müssen sich Dichter, deren Alter nicht als verführerisches Etikett taugt, verbal beiseite geschoben fühlen. »Jetzt« suggeriert, ihr anderen seid gestrig. Bei alledem ist »jetzt« naturgemäß das, wogegen es sich wehrt – von gerade eben, von gestern, von vorgestern, von einst.

    Wie litt die Duden-Redaktion, als es üblich wurde, von schwulen Cafés zu sprechen. Die Eigenschaft der Gäste färbt den Ort. Aber das funktioniert nur mit sehr wenigen Begriffen. Im schwulen Café sitzen Schwule, aber im schwarzen Café – etwa in der Berliner Kantstraße – sitzen selten Schwarze. Ad libitum könnte man eine vegetarische Lyrik definieren, die von Vegetariern ist, oder eine reiche Lyrik, die von Reichen ist. Wenn Friederike Mayröcker morgen ein neues Gedicht schreibt, erscheint es nicht in einer Anthologie junger Lyrik. Obwohl es von »jetzt« ist.

    Mithin kann nur das Alter der Schreibenden gemeint sein, wenn man von junger Lyrik spricht. Es geht also um Lyrik von jungen Autoren. Doch wird der Begriff »jung« unter der Hand allem angedichtet, was junge Autoren verfassen, auch wenn es Altbackenes ist.

    Dass junge Lyriker mit dem Begriff leichtfertig umgehen, sollte man nicht unterstellen. Dass unter den jungen Lyrikern herausragende Lyriker sind, ist evident. Dennoch gewinnt man den Eindruck, dass manche nur auf das Papier Gleichaltriger schauen und zu wenig auf das, was andere Generationen schreiben. Ob ein Gedicht wirklich jung ist oder sogar jung bleibt, wird vielleicht die Zeit klären, ganz gleichgültig jenen gegenüber, die dieses Wort im Moment für sich reklamieren.

    ————————————–

    Anlass dieses Beitrags ist ein Kommentar, mit dem Ron Winkler sich auf eine Bemerkung von Michael Braun ( http://www.poetenladen.de/michael-braun-zeitschriftenlese-maerz09.htm ) und auf das Editorial des Magazins poet nr. 6 (http://www.poetenladen-der-verlag.de/poetmag.php ) bezieht.

    • Sich am Begriff der »Jungen Lyrik« festzubeißen erscheint mir doch als Nebenkriegsschauplatz — seltsam gewaehltes Label (na und?) für eine Gruppe Gegenwartslyriker, die eben nicht unter einer Gruppe zu fassen sind. Worum es doch eigentlich geht, ist der Aufmerksamkeitsbonus, der von jeder Lyrikergeneration zu Recht eingefordert wurde und hier auch von den gleichen Kritikern, die sich heute so gerne davon distanzieren möchten, gegeben wurde. Es kann keinen Vorwurf, der Sinn macht, gegen derlei Gebaren geben, nur eine Frage, die immer zu stellen war und zu stellen sein wird: Wo ist die Wirkung dergleichen Lyrik über den selbstgewählten Kreis der mutig postulierten Netzwerke und poetologischen (internen!) Diskussionen hinaus?
      Dass Lyriker Lyriker lesen, ist dabei kein Vorwurf, sondern nur traurige Bestandsaufnahme dessen, dass scheinbar nur Lyriker Lyriker lesen. Bei Auflagen von 200 bis maximal 500 Bändchen ist die Frage nach dem Publikum und letzendlich die, für wenn, und nicht warum man schreibt, für mich die interessantere — vor allem angesichts der Vermutung, dass obige Netzwerke wohl, wie auch aus inflationären Poetologiedebatten ersichtlich, wohl recht hermetischer Natur sind — also nur Netzwerke nach innen, die vom Mangel an äußerer Wahrnehmung ablenken und wohl dies genau auch sollen.
      Das ist eigentlich keine Frage nach Qualitäten, sondern nach der Positionierung des eigenen Schreibens in einer Welt, die auf Qualitäten eben nur am Rande Wert legt.
      Der Gefahr, die Selbstwahrnehmung mit der eigentlichen Wahnehmung der Lyrik in der Gesellschaft zu verwechseln, sind Kritiker wie Lyriker gleichermaßen ausgesetzt.

  4. Ich wundere mich weiterhin, wie eine eher aus dem Geist des Pragmatismus geborene Formulierung, »junge Lyrik«, derart (und immer wieder) zum Kampfbegriff aufgebauscht wird.

    Sprache arbeitet auch über Verständigung, was ihr Verständnis oft nicht gerade erleichtert. Wir sind von unscharfen Formulierungen gewissermaßen umzingelt. Wir verstehen einander trotzdem, zumeist. Guter Wille unterstützt die Kommunikation immens.

    »jung« ist in unserem Zusammenhang nur sekundär ein Qualitätsargument, nur sekundär ein Instrument des Marketings und eigentlich nie ein Zeichen von Arroganz oder Alphatiergehabe. Wer gegen die Verwendung des Attributs für AutorInnen jüngerer Jahrgänge streitet, will im Prinzip etwas anderes verhandeln, systemische Defizite bei der Wahrnehmung des Wasserglases.

    Das alles macht so müde.

  5. Möchte Herrn Winklers letztem Satz zustimmen.
    It’s (doch) only Rock ’n Roll.

  6. Nicht nur dem letzten Satz.

  7. […] Artikel entstand aus einem Kommentar des metroproleten auf Ron Winklers Artikel Drucken als […]

  8. yeah, Positionierung!

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