Heinz Czechowski

Sanft gehen wie Tiere die Berge neben dem Fluß.
Sanft wie Tiere?

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~ von R - 6. März 2009.

38 Antworten to “Heinz Czechowski”

  1. Sanfte Tiere machen wenig Geräusche.

    Eine Ergänzung:

    Heinz Czechowski
    An der Elbe

    Sanft gehen wie Tiere die Berge neben dem Fluß.
    Nur zu ahnen die Brücke, doch eben noch da.
    Und von den Wiesen mischt sich ein Duft
    mit dem Geruch dumpfen Wassers. Wir sind ganz nah.

    Und Geräusche sind wenig: das Gurgeln des Wassers,
    ganz leis nur in Blättern und Gräsern ein Wind.
    Kein Mensch sonst. Nur wir. Und die große Stille
    geht in uns ein — nur wir Liebende sind.

    Hier sind wir zu Haus. Und der Himmel ist hoch.
    Und die Nacht läßt die Sterne des Sommers drin reifen.
    Ganz nah dein Gesicht. Und dann spüre ich noch,

    wie die kleinen Wolken die Pappeln fast streifen.
    Und wie ein Glücklichsein in uns sich vermählt
    mit der großen Schönheit der Welt.

    (Bekanntschaft mit uns selbst. Gedichte junger Menschen, Halle 1961, S.57)

    Und eine Philologen-Anmerkung:
    Vom Liebessonett »An der Elbe« (Nachmittag eines Liebespaares. Gedichte, Halle 1962, S. 20) ließ Czechowski selbst später nur noch den ersten Vers gelten: »Sanft gehen wie Tiere die Berge neben dem Fluß.« So lautete er auch in »Bekanntschaft mit uns selbst« (Gedichte junger Menschen, Halle 1961, S. 57); in der Sammlung »Ich, beispielsweise« (hg. v. Christel u. Walfried Hartinger, Leipzig 1982, S. 5) wurde er abgewandelt zu »Sanft wie Tiere gehen die Berge neben dem Fluß« — und der Rest des Gedichts mit drei untereinander gesetzten Punkten als ausgelassen markiert. In der jüngsten Ausgabe (Heinz Czechowski: Die Zeit steht still. Ausgewählte Gedichte, Düsseldorf 2000, S. 11) bleibt es bei dieser radikalen Kürzung, die ursprüngliche Satzstellung ist allerdings wiederhergestellt worden.

  2. Auch Berge machen in der Regel, auf die menschliche Wahrnehmung bezogen, wenig Geräusche. Bei Czechowskis Zeile denke ich an, nun ja, was es in der Natur eben so an elefantischen und amphibischen Wesen gibt. Sanft … Ein faunischer Zauberspruch.

    • Nicht-faunische Landschaftselemente, sofern sie dennoch Tiere, sind tatsächlich standardmäßig stummgeschaltet. Vgl. Juli Zeh, Die Stille ist ein Geräusch, wo dies durch Schlaf plausibilisiert wird:
      »Gerade tauscht die Adria den schwarzen Morgenmantel gegen ein silbernes Kettenhemd. An den Hängen stehen die Pinien mit abgewandten Gesichtern. Die Inseln liegen wie große schlafende Tiere im Wasser. Hier bin ich also im Country of Feelings.«
      (http://www.juli-zeh.de/stille-lesen.php)

  3. Denkbar ist auch folgende Variante: »Die Inseln liegen im Wasser
    wie große schlafende Zehen.«
    Wobei sich in jedem Fall die Frage der Reziprozität stellt. Liegen die Inseln im Wasser, so wie (große) Tiere generell zu liegen pflegen? Oder liegen sie im Wasser, wie sie nur im Wasser liegen
    (können)?
    Bei Czechowski ist das Zeitmaß enorm. Sein Blick wirkt vollkommen losgelöst vom Augenblick. Die Bewegung, die er dem aus pragmatischer Perspektive heraus statisch Erscheinenden zumisst, mobilisiert die Szenerie als ›auktorial‹, als dem Momentum enthoben. Erst die Äonen machen die Bewegung der Berge sichtbar. Vor diesem Hintergrund gewinnt die schnöde Behauptung, Tiere seien »sanft«, immens an Plausibilität. Der Vers ist insofern Ausdruck einer in Güte mündenden Reife.

    • heißt das, tiere wirkten nur aus äonaler perspektiver, also von der pragmatischen sicht auf das einzelding tier (nero) zur naturgeschichtlichen breiigkeit einer vollkommen abstrakten fauna (schnittmenge von amphibie, amöbe, alephant) entrückt — und dies umschließt notwendig eine zur auktorialen mobilisierung neigende reife, kurz: erhabenheit über momentum und in ihm anwesende faunen —, sanft (wie berge)?
      der erzählinstanz bei frau zeh geht diese perspektive ab, weshalb sie die mobilisierung der inseln nicht zuwege bringt und nur deren aktuelle statik wahrnimmt. und dann: was stillhält, schläft. wie aber verhielten sich kannibalische inseln (jenny u. bernd schütze) zum zeh’schen girlscout-abenteuer?

  4. Czechowskis »sanft« mag sich zuvörderst auf die erscheinung, das erscheinungswesen resp. unsere wahrnehmung davon beziehen, denn in dem, was nur nach äonen oder erdzeitaltern meßbar an bewegung/werden, stecken oft gewaltige energien, die alles andere als sanft — gebirgsauffaltungen beispielsweise oder die im gefolge der eiszeiten entstandenen moränenlandschaften — aber man könnte meinen, daß das alles schläft, unmerklich sich bewegt, eine drift, wenn man z.b. die hügelkette des pfälzer waldes vor augen hat

  5. Die Sanftheit der Tiere in Cs. Vers erinnert mich immer an die Sanftheit (und Stoik) von Fleckvieh, Kühen. Auch mit Blick auf den sozialistischen (Produktions-)Hintergrund der Entstehungszeit scheint mir eine solche anti-naturmagische Deutung bedenkenswert. Zumal es sich bei den »Bergen« an der Elbe in Dresden nicht um Gebirge sondern um bewaldete, von Weinbergen und Villen bestandene »höhere Hügelrücken« handelt. Auch hier wieder die Assoziation zum Schulterrücken der Kuh. Soviel nur von einem, der oft an der Elbe im Gras lag und diese Formationen betrachtete.

  6. »Ein singender, durch das Wasser schwimmender Grizzlibär« würde auch in Frage kommen.

  7. Gewiss. Kulturelle Stoik, als Natur verkleidet. Sanftheit als Willigkeit. Die Zeile als Alias für den Gang einem Opfer entgegen, das man selbst ist. Schlachtbank und locus amoenus. Etwas anderes ist in dieser Gegend (und für diese Gegend) auch gar nicht vorstellbar. Dies in Steno aus dem Nacht-Autoklav.

  8. Aber auch »Sanft wie Wasser« oder wie »fahrende Boote im Wasser«. Das würde die Sanftheit der Tiere auch ganz gut erklären, wenn das nicht schon angesprochen wurde.
    Bemerkenswert ist natürlich, dass sie gehen!

  9. Nun geht es zwar um eine Re-Vision des Textes, nicht aber darum, ihn zu revidieren.
    Begeisternd an der Zeile ist, wie behende sie zur zutreffenden Formel geworden ist. Ein Hauch, darin eine ganze Landschaft. Noch verstärkt durch Czechowskis spätere reduktionistische Aktion.
    Gut. Ich lulle mich nun erst einmal wieder aus.

  10. Brigitte Oleschinski:
    »während wir an Deck / wie Gepäckstücke sacht // von einer Reling zur andern«
    (Das Knicklicht, das aus der knitternden. In: Your Passport is Not Guilty. Gedichte, Rowohlt 1997)

  11. G. C. Waldrep:
    »In the distance blocks of text move / like heavy animals across the stubble of a field«
    (Columbus Circle. In: Goldbeater’s Skin. Poems, Colorado State University 2003)

    • gut, dass es auch noch tiere gibt, die keine berge oder inseln oder texte sind, egal aus welcher entfernung.

      Durs Grünbein:
      »Das Hausboot tuckert vorbei an Rinderherden,
      Die zur Tränke schreiten wie im Grand Siècle das Vieh,
      Dasselbe immer auf derselben pompösen französischen Erde.
      Nur der Fluß ist nie gleich und nichts, was man in ihm sieht.«
      [Skizze zu einem Fluß, in: Sinn und Form 61,1 (2009), S. 60 ff.]

      • @ Motivsammelstelle: wie im »Grand Siecle das Vieh« ist doch gut gesagt, ganz anders bei Czechowski, weniger naturmagisch, und anders bei Schinkel, nicht einfach nur beschreibend, sondern im Hinblick auf die Spezifizierung »Rinderherden« doch irgendwie melancholisch nostalgisch schön und beinahe schlecht gesagt!

  12. Die Motivsammelstelle wünscht aber noch einen weiteren Zusatz, vorerst.
    André Schinkel:
    »Der Pirol federt scheu den schwarz- / Gelben Stempel der Flucht / In die ausgelieferte Landschaft, / Wo Pollenflug herrscht; — // Welch eine Gegend, denkst du, / Reist bedauernsvoll ab: im / Rücken die Herden der Hügel, / Die der Tränke zugehn.«
    (Der Pollenflug. In: Unwetterwarnung. Raniser Texte, 2007)

  13. Björn Kuhligk, im vertrauten Ton des Wutentglimmten, potentiell barrikadistisch:
    »Einmal im Herbst / waren die Hügel / eigenwillige Tierrücken // jemand wie ich ging vorsichtig / die Hände in den Taschen / zu keiner Bitte bereit.«
    (Hausach. Die Eisenbahnstraße. In: Großes Kino. Gedichte, Berlin Verlag 2005)

  14. Und jetzt das Ganze noch rückwärts … Die Motivsammelstelle schaut in präczechowskieske Zeiten und entdeckt Erstaunliches: Johannes Bobrowski —
    »Wie Tiere stehn, bereift unterm Winterlicht,
    die Hügel dicht gedrängt beieinander. Da
    zwingt noch der See ein schmales Band von
    lichtlosen Wassern dahin die Täler.«
    [Majewo, Gesammelte Werke II: Gedichte aus dem Nachlaß, S. 57]

    • Aus dem, was zuvor schon »das Ganze« gewesen sein schien, wird nun wohl gar ein (metamyzeloides) Bobrowskistan (von den Machthabern bekanntermaßen dekretiert als Czechowskimar). Ein Hügelgebiet zu Zeiten des animalistic turn. Mit immerhin einer Frage als Grundgesetz: Was war zuerst da, die Hügelähnlichkeit bestimmter Tiere (»des Tiers«) oder die dem Tier äquivalente Seinshaftigkeit des Phänomens »Hügel«?
      Dank jedemfalls dem Motivwurzelforscher aus der Salzstadt!

  15. Weitere Recherchen führen zu der Annahme eines orientalischen Migrationshintergrundes mit religiösen Wurzeln — Zeit für ein kleines Entsetzen: Ps 114, 3f.
    »Das Meer sah es und floh, der Jordan wandte sich zurück.
    Die Berge hüpften wie die Lämmer, die Hügel wie die jungen Schafe.«

  16. […] Befunden: Alles vergeht, nichts bleibt. Von seinem berühmten Liebesgedicht »An der Elbe« (das hier diskutiert wird) lässt er später in einem »Best of«-Sammelband nur noch die wunderbare erste […]

  17. Mit leichter Umwegigkeit zum Thema, aber doch auch profunder Anbindung. Ein Zitat aus den Typochiven der Nelly Sachs:
    »Sanfte Tiere zu verkaufen war dein Tun auf einem Markt auf Erden,
    Lockendes sprachst du wie eine Hirtin zu den Käuferherden.«
    [Die Markthändlerin (B.M.)]
    It all ends up in sanfte Tiere.

  18. Und in den entzauber(t)-(t)rotzigen Okklusionen (1996er Nordhang) des Kurt Drawert steht:
    »Doch wenn ich, für die Sekunde, / meinen Namen vergesse, / dann verstehe ich wohl // diesen Grabgang / der Sprache und möchte bedauern / und die Verwesung / allen Gewissens // milde betrachten, / so wie sich das Herbstlicht / am Abend sanft senkt / zwischen den Weiden // und die Dinge im Nebel / davongehn wie müde, / geschundene Tiere. Doch / ich verstehe es nicht.«
    Wobei die Weiden topisch als Hügel zu betrachten sind und der Nebel nicht nur als Fluss, sondern gleich direkt (—> permutative Wahrheit) als Elbe. Und auch sanft ist zur Stelle. Wir verstehen.
    (Ortswechsel. In: Wo es war. Gedichte, Suhrkamp 1996)

  19. Nicht ganz Kernressource, aber im Zusammenhang mit der Erwähnung Drawerts zwangsläufig zu erwähnen: ein Tier-und Teer-Text von Ulrike Almut Sandig:
    »eben noch Radio gehört. […] aus den Boxen ein Rauschen, kein / Regen, ein aufgestiegener Nebel vor dir, eben / war alles noch da: Sicht und geräumte Wege / Schneewehen über den Gräben. zur Seite fällt / Hang, nicht sichtbar, wie tief. schwere Tiere // im Flug — über den Teer geht Nebel wie Wind / wie eben noch hörbar, wie Weiches, wie blind.«
    Sanft tierhaftes Enjambement, fließgewässerartige Stimmung und das Wortpaar aus Wege und Wehen, das quasi schon die benötigte Herde bildet. Auffällig auch die fast emblematische Verwendung von wie. Und sowieso die hohe Czechowskizität!
    (schwere Tiere. In: Dickicht. Gedichte, Schöffling & Co. 2011)

  20. Nachtrag: Allmählich muss man wohl wirklich von einem sächsischen* Code, wenn nicht Codex sprechen. Tiere (sanft** oder schwer*** oder anders attributiert****) und/ oder Hügel (oder Derivate) und/ oder Fluss (auch als Regen, Nebel oder ähnliches applizierbar). Das gehen scheint elementar zu sein. Unaussanftbar.
    * (sächsistischen?)
    ** Czechowski erster Ordnung
    *** Czechowski zweiter Ordnung
    **** Czechowski dritter Ordnung

  21. Auch bei Durs Grünbeins »An der Elbe«* lässt sich Czechowski mitdenken. Sublim sublim, wenn man so will. Nicht Tier noch sanft ist hier, sondern Verreckung. Sein »›Held im Film‹« streunt »grundlos diesen vergifteten Fluß / entlang […] im Blick / den vorüber- / treibenden Unrat«. Der Text ist keine Abkehr oder Pervertierung von, und keine Antithese zu dem von Czechowski. Eher Kontrast. Das Universum wird von der anderen Seite betreten. Zwischen Czechowskis elysischer und Grünbeins devastierter Elbe bläht sich ein System. Für die Haltung heißt das: an- / gewidert spucke ich von der / kahlen Uferterrasse herab, fühle / mich unbehaglich […] und / bewundere später ein Paar strom- / abwärts keuchender / alter Männer / beim Jogging. Vielleicht joggen sie sanft.
    *(Grauzone morgens. Gedichte, Suhrkamp 1988)

    • Das Sanfte bei Grünbein steckt sicher als ein Grund im Grundlosen. Auch scheint der Ekel resp. das Unbehagen in der Repräsentation des Subjekts als Zuschauer seines Bewusstseinsfilms schon wieder derart zurückgenommen, dass ein Epitheton wie ›sanft‹ sich nicht grundsätzlich verböte. So weit d’accord, aber:
      Grünbeins »An der Elbe« greift auf Czechowskis Sonett oder Sonettenrudiment unübersehbar in einer durch einen dritten Text vermittelten Perspektive (Haltung) zurück, und das ist Karl Mickels »Die Elbe« (Eisenzeit, Halle 1975). In dieser vom dahinfließenden Strom auch rhythmisch getragenen Reflexion über Werden und Vergehen, über Geschlechts- und Berufsverkehr, Stoffwechsel und Reproduktion, ist die (notwendige) Radikalisierung des czechowskischen Ansatzes bereits 1973 vollendet durchgeführt (ich zitiere die Schlussverse):
      Sanft wie die Berge neben dem Fluß
      (Czechowski) kriechen Bestien in die, aus dem
      Zoo, bei Kindern, nach dem Angriff
      Achselhöhlen. Und Berufsverkehr
      Heißt, daß Der mit Jenem, Der mit Dieser
      Es (Sein Wesen) treibt, und jedes Menschs
      Verrichtung, wenn nur Eines, und nicht sofort
      Ein Anderes die Lücke, wie es, besser
      Oder schlechter, ist, füllt, fällt, nicht wäre:
      Vgl. auch den Kommentar zu Pindar
      Von Hölderlin, Belebendes (Kentauren).

      Der Einzelnachweis für die einzelnen Elemente des ›sächsischen Codes‹ erübrigt sich. Nur verweisen möchte ich noch auf die vorangehenden Teile des Textes, die — wie diese letzten mit seiner Landschaftsfaunierung — auch mit Czechowskis wohl kleinbürgerlich zu nennender Vorstellung des Amourösen in ein lyrisches Gericht gehen, das nichts zu wünschen übrig lässt (außer eine Restitution kleinbürgerlich zu nennender Vorstellungen des Amourösen vielleicht).

  22. Wie berichtet wird und belegt ist, findet sich der Sanfttierhügelfluss auch in der »Kindergeschichte« (2009) von Klavki, die im Folgenden unserem Interessenschwerpunkt gemäß ein wenig zitiert werden soll:
    »Das sind die kleinen unvorstellbaren Dinge auf dieser Welt, zum Beispiel, dass man sich vorstellen könnte, dass es eine Trockenblume gibt, die neidisch ist auf die echten, die in der feuchten Erde leben dürfen und jeden Tag gegossen werden, um die sich jemand kümmert oder dass die Texte der Vögel in Wahrheit Gedichte sind oder dass es ein Wort gibt, das mit allen Träumen dieser Welt gefüllt ist […], oder dass man einen Stein in die Luft schmeißt und er in einer Ecke der Luft hängenbleibt, oder dass sich der Wind verirrt und nicht mehr weiß, wo er lang muss, jemanden nach dem Weg fragt, oder dass Berge sich nachts heimlich recken und dehnen und tagsüber wieder wie Tiere neben den Flüssen gehen«.

  23. Um ins Zentrum vorzustoßen, muss man (sofern man sich nicht quantenmechanisch bewegen kann) vom Rand her kommen. So sei nun unter Maßgabe dieser Zwangsläufigkeit Beat Brechbühl* zitiert:
    Man fühlt, es wird ein schöner Tag.
    Die blutigen Opfertauben schwimmen über die Berge
    und stillschweigend gräbt die Sonne in den Tälern.

    Ein Zustand wie vor oder nach Czechowskis pars-pro-toto-Formel. Ein Parallelderivat.
    Fehlt fast nur das zentrale »wie«. (Abgesehen von der kaum nachahmlichen Sprachmodulation.)
    *(Unabsichtlicher Gedanke, früh morgens. In: Gesunde Predigt eines Dorfbewohners. Gedichte, Diogenes Verlag 1966. Zitiert nach: Traumhämmer. Gedichte aus zehn Jahren, Heine Verlag 1977)

  24. Noch einmal ein »Aggregat« (Daniel Falb) nach dem Muster TIERE + BERGE + WIE:
    Herden von Gemsen eilten über die Berge
    wie etwas gänzlich Unkluges, wie Wellen

    (Marion Poschmann: Raumkrankheit. In: Geistersehen. Gedichte, Suhrkamp 2010)

  25. Der Engführung von Tier und Hügel gegenüber nicht verschlossen zeigt sich auch Ludwig Greve in seinem Gedicht »Schwäbische Alb«.* Ebenfalls (siehe Heinz Czechowski) in der Eingangsstrophe heißt es:
    Ich sehe hinter den Nachbarhügeln die Alb,
    Rücken an Rücken die Herde wandern.

    Nach einigem Meer, Himmel, Traum und Schlamm und Stein folgt in der vierten Strophe eine Spezifizierung hinsichtlich der Tierart:
    Wenige Tage. Da schwindet, kaum daß sie Leben gewann,
    die Alb im Dampf ihrer Nüstern;

    wobei der Rechercheur sich hier fragen musste, wem die Nüstern zuzuordnen sind. Als Bezugspunkte bieten sich in der Passage zuvor einige Wörter an: Nüstern der Fülle, Nüstern der Bewegung oder eben: Nüstern der Tage.
    (À la Es schläft ein Tier in allen Dingen.)
    Der Einfachheit halber legen wir uns aber auf ›Nüstern der Alb‹ fest. Und darauf, dass damit implizit auch ein »sanft« gegeben ist.

    *(In: Bei Tag. Gedichte, Ernst Klett Verlag 1974. Zitiert nach: Sie lacht und andere Gedichte, Fischer Tb 1992)

  26. Nur als Beleg, dass die Forschung nicht ruht:
    Kühe zogen das Feuer / den Hügel entlang, / Streichhölzer sprangen / aufs Pflaster, wir fanden // Kinderhände, unten, / am Kai.
    (Zitiert aus: Ulrich J. Beil: Wär Glück. Zitiert nach: Gesang auf Messer, Jahrbuch für junge Lyrik 3, Mariannenpresse 1995)
    Nachts schlafen die bulgarischen Berge wie große, schwarze Tiere, und nur hie und da, weit entfernt, dringen Lichtpunkte aus morschen Häusern.
    (Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff, Suhrkamp TB 2010. S. 15)

  27. Nein, Hügel und Tiere sind und waren unvergessen. Harald Gerlach etwa verfolgte mit »Heine im Eichsfeld«* folgende Politik (=Poetik):
    Durch flaches Land, besetzt
    mit Hügeln, sanft, Rundungen
    wie bei Mädchen

    Es folgt ein Gedichtinhalt, den wir mit leichter czechowskischer (czechowskiischer?) Rigorosität an dieser Stelle wegverschweigen, um zu entflechten. Also: Nach den Eingangszeilen ereignet sich ein Gedicht, das den Bogen schließt in der Verortung:
    Dies zwischen Hügeln,
    sanft wie bei Mädchen.

    Wie schon aufs Zeitalter des Vegetarismus hin geschrieben gebricht es dem Autor hier an Fauna jeder Art. [Ganz abgesehen von einem Burschen, vom Esel / im Galopp verloren.]
    Immerhin jedoch substituiert Gerlach das sanfte Gefleuch nicht durch Menschen. Denn … bei Gabriele Eckart** liest sich’s nur ein Jahr später so:
    Die Apfelbäume gehen wie Soldaten
    In Reih und Glied über die Hügel hin

    *(In: Nachricht aus Grimmelshausen. Gedichte, Aufbau Verlag 1985)
    **(Angelika, Obstbauer, 21. In: Sturzacker. Gedichte, Buchverlag Der Morgen 1984)

  28. […] Mehr (Poetologisches & Philologisches) hier […]

  29. Ein Gewährsfreund, steter Beobachter der sanfttierischen Hügelfortschreibung in der Literatursparte Poesie, hat uns aus der Villa Massimo in Rom, die sanft wie alle Akademien in ihrer Umgebung ruht, auf eine Extensio zu Heinz Chechowskis Conclusio aufmerksam gemacht — und aufmerksam wollen wir diese Zeilen entlangziehen:

    Sanft wie Berge gingen alle Vergleiche
    neben der Rede. Schwarze
    Berge, über die das Licht stieg und
    fiel. Ich schnorrte Gold.

    (Zitiert aus: Ulrich Koch: Ich im Bus im Bauch des Wals. Gedichte, Edition Azur 2015)

    Womit sich der Autor das Prädikat »kochowski« durchaus verdient hat. Nun schließen wir diesen kurzen Beitrag, als wärs mit einem sanft schwärzenden Vorhang aus etwas, das Gold, Licht und Bergen vergleichbar ist.

  30. Seine Augen waren sanft.
    Die Hügelkette da hinten ist auch sanft.

    So steht es bei Martina Hefter. (Der musizierende Mensch wird im Zimmer von Ungeheur besucht. In: Ungeheuer. Stücke/ Gedichte, kookbooks 2016)
    Aber sehr geehrte Martina Hefter! Welche Chance auf einen reinen Czechowskismus und 15 Minuten Ruhm in der Czechowskiwelt wurde hier vertan! So ganz ohne Tiere und Tieresfluss. Vielleicht beim nächsten Ungeheuer, ja?

    • lieber ron winkler, streunende katzen und hunde und eine verhungerte katze sind u. a. auf seite 9 und seite 14, und auf seite 9 sind die tiere sogar im fluss: »… seid Tierchen,/ die aus sich selber trinken, Pfoten fließen lassen,/ treiben, in Bächen zu Flüssen, in Flüssen zu Küsten,/ seid Tierchen, die strampelnd im Delta treiben,/ und seid unbesorgt, ich hol euch da raus./ Ich hol euch da raus.« oder hab ich was falsch verstanden?

  31. Nachdem die Bundesbehörde für Tierhügelforschung weitere Evidenz angefordert hat, können wir prompt einen Fund aus dem Bereich der Anverwandlungslyrik bereitstellen, der als hochgradig adaptativ im Sinne des Czechowski bezeichnet werden kann. Wir freuen uns und staunen. Und lassen nun den Urheber sanft seine Signale senden:

    Einmal im Herbst
    waren die Hügel
    eigenwillige Tierrücken

    (Björn Kuhligk: Hausach. Die Eisenbahnstraße. In: Großes Kino. Gedichte, Berlin Verlag 2005)

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