Fund im eigenen Notizbuch

•22. April 2013 • Hinterlasse einen Kommentar

Das Alter ist immer unschön, selbst wenn man dann noch etwas schreibt.
Harald Hartung, Berlin, 12.02.2013

Plantagen aus Schnee

•2. April 2013 • Hinterlasse einen Kommentar
Mögliches Fluchtfahrzeug

Mögliches Fluchtfahrzeug

Und was war noch? Die Suche nach alten säkularen Bauten, Profangebäuden, ich fand eine Brauerei in Schlaf geschlämmt. Auf der anderen Straßenseite hing schlaff die Fahne des Kommunistischseins, auf andere Weise eingeschlafen.
Ich fand die Flucht und trat sie an per Nachtzug und fragte einen in meinem Abteil, warum er so gut Englisch spreche. Er antwortete: We have to. Und sagte: Tote kann man nicht wieder zum Leben erwecken (wir sprachen über Chernivtsi), und sagte: Offiziell heißt es, nur zehn Prozent der Straßen in der Ukraine seien in schlechtem Zustand. Und sagte, dass er anscheinend immer nur auf diesen zehn Prozent unterwegs sei.
Während wir schnapp-atmeten, weil die Klimaanlage des Waggons nur zu zehn Prozent funktionierte.
Was war noch? Ich sah zehn Prozent von Kiew, zehn Prozent von Lemberg. Ich wurde nicht von Stuck noch Putz erschlagen. Stand nur und ging im feuchten weißen Schlick der Jahreszeit. Vorbei an und unter Zwiebelkopfkirchen, deren goldene Kronen für etwas bezahlten, das ich nicht besaß. Oder mir etwas auszahlten, das ich nicht besessen hatte.
Und ich blickte durchs Demutsfenster in der Nationalen Hörfunkgesellschaft der Ukraine, Vorgänge mit Passierschein brauchen ihre Zeit. Und auch Lwiw brauchte und braucht seine Zeit, seine spezielle Ukrainimierung.
Wie immer war da aber noch mehr. Nebel, Zeilen, Kleingeld. Milch und Touristen. Graffiti von außerhalb. Hypodiakone mit Fellweste und Smartbook. The final call for all passengers to Berlin. Plantagen aus Schnee.

Zeitsystem

•25. März 2013 • Hinterlasse einen Kommentar
Werbetafel am Pruth

Temporale Schichten

Im gegenwärtigen Czernowitz unterscheidet man folgende Zeitformen:

zerstörte Vergangenheit

nicht absolvierte Vergangenheit

dreifache Gegenwart

Plusquamstasis

Futur gemach

Utopia continuous

So kann dir die Stadt sein [Bilder]

•24. März 2013 • Hinterlasse einen Kommentar
Auf dem Friedhof

Auf dem Friedhof

Hühner

Hühner

Flüssig bleiben

Flüssig bleiben

Dörrfrüchte

Dörrfrüchte

Älterer Einheimischer

Älterer Einheimischer

Schreckkatze

Schreckkatze

So kann dir die Stadt sein [Text]

•24. März 2013 • Hinterlasse einen Kommentar

Die Verkäuferin kneift mehrmals in den eben erworbenen, eingetüteten Pfannkuchen, um zu zeigen, dass das süße Produkt frisch ist.

Ein an den Ecken abgerundeter Trolleybus aus den Sechzigern schleppt ein Nachfolgemodell aus den Siebzigern oder Achtzigern in die Ferne.

Auf dem grünen Basar verkauft man Hunde aus Kofferräumen heraus, Welpen aus Taschen, Hühner aus Käfigen. Es gibt Wellensittiche und Zierfischaquarien. Die Temperaturen liegen bei acht Grad unter Null. Heißer Tee ist im Grunde kalter Tee.

Ein paar vereiste Mondlandschaftsmeter weiter gibt es Dörrfrüchte in den Farben von Hundeschnauzen.

Der Eisengeruch bei den Werkzeughändlern kann die Lust auf den Erwerb von Orangen sehr fördern.

Du wählst unendliche Nummern mit dem Telefon, weil die physische Erfahrung der Wählscheibe eine so schön exotische, einsame Insel ist. Das gute alte duale Internet.

Am Friedhof verkaufen Männer in Springerstiefeln schwarze Tabletten an alte Leute.

Auf dem Friedhof selbst liegen Tote, liegt aber auch Weißschnee, vom Wind teils zu Wehen und Wechten getätschelt.

Unterwegs auf den Eiszapfenabwurfstraßen spürst du kein Verlangen, einen Schtreimel geputzt zu haben.

Mit einem älteren Einheimischen in seiner Hälfte seiner Kommunalka auf Halbdeutsch herauszufinden versuchen, was einfechsen bedeutet. In seiner Küche ein Glas daumenschweren Wodka und Kaffee und Mlinzi (beziehungsweise Bliny, Blinschiki) irgendwie fechsen, also ernten, einfahren. Wodka aus Moskau, Kaffee aus Instantgranulat, Pfannkuchenröllchen mit Marmelade und Frischkäse gefüllt.

Im Katzengeruchtreppenhaus erschrickt dich eine erschrockene Katze.

Mit hohem Ministerialerlass zählst du zum Einschlafen die PATRIA-Ziegel hinter den Tapeten. Du zählst zum Einschlafen. Du endest mit Pa.

Die Nacht dann eine Fügung mit Satzwert.

Die oder das oder i oder j oder y

•17. März 2013 • Hinterlasse einen Kommentar

Beth Tefillah BenjaminBejt oder Bet oder Beit oder Beth. Wie das Geburtshaus von Paul Celan, der in einer Erinnerung von Edith Silbermann »Paul (Celan)« heißt, habe ich auf dem ersten Einfindungsspaziergang auch die Benjamin-Synagoge verpasst, das Beit Tefilla Benjamin. Ich kam die Kobylytsi hoch, die Luk’yana Kobylytsi Vuliza, die also Lukjan Kobylytsa Street, die Lucian Kobylicza Straße. Kam sie hoch aus den Gassen der Unterstadt, und weil ein sowjetischer Wohnblock die Aufmerksamkeit unschön zu fesseln drohte, bog ich kurzum ab, setzte die ab 1959 einzige Synagoge der Stadt vorerst in Klammern.
Wie das Geburtshaus von (Paul) Celan am Tag zuvor.
Celans vermeintliches Geburtshaus
Doch ich kam wieder, weil ich die Synagoge sehen wollte, das war am Mariä Korn Shil Sankt Paul Celan Entschlafungskirche Tag. In etwa. Unregelmäßig tropfte Tau von den Dächern, manövrierten Autos durch die Straßen, traf ich auf Passanten.
Passanten im Genitiv oder nicht, Passanten mit i oder j oder y oder ohne oder ohne alles. (Passantitscheskiye Passjanti.)

Von den Menschen

•14. März 2013 • Hinterlasse einen Kommentar

Kobylanska Vuliza

Die Menschen. Vielleicht vermisst der eine oder andere auch eine Schabe, wie ich. Oder träumt von noch hochhackigeren Schuhen als üblich. Die Menschen spielen Backgammon, wenn sie vor dem postsynagogischen Kino auf mobilen Tischen Drucksachen verkaufen. Im Stehen, wenigstens an geraden Tagen. Ich war noch nicht in dem Viertel, in dem verkleidete Oligarchen Schuhsohlen feilbieten. Ich war noch in keinem Kurs, wo man studiert, wie man Eisschollen am effektivesten zerstößelt. Ich weiß nicht, welche Technologie man im Foxtrottshop tanzt. Die Menschen werden es wissen. Die Menschen, deren Bartlocken sich aus religiöser Überzeugung immer himmelwärts drehen. Die Menschen, die in den Kleinbussen das Fahrgeld aller anderen nach vorne durchreichen. Die Menschen, die behaupten, die Grenze zwischen pro-russisch und pro-ukrainisch liege drei Kilometer westlich des pro-westlichen Denkens. Menschen, die schreiben, dass auch lokale Musik und Küche helfe, to become acquainted with Ukraine and pearl of our country. Andere Menschen, die bereits diese Perle geworden sind. Eine Perle vergleichbar einem sauber gewaschenen Pruth. Vergleichbar den Menschen, die wissen, nach welchem Modus man das Kleingeld verteilt, wenn mehrere Bedürftige vor einer Kirche darum bitten. Menschen, die noch gereimte Knisch-Rezepte kennen. Oder Menschen mit armenischer Poetologie. Menschen auch, die alles Nichtanschnallen in allen Taxis auf sich vereinen. Menschen, die heimlich ungetaufte Äpfel essen. Menschen, die das Gold ihrer Irgendwo-am-Körper-Kettchen unter silberner Legierung verstecken. Aus anderen Gründen als die, die um eine Audienz im Brot Palast bitten, bevor sie im Fernbusbahnhof verschwinden. Die wissen, ob man die Herrengasse einst mit Rosen fegte. Sie werden es wissen, die Menschen.

HeiliggeistkathedraleStadtlebenAm SchewtschenkoparkVor der NikolauskathedraleHolovna Vuliza

 
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